Dieses Heft der Rupertsberger Hildegard Gesellschaft, das mit Hilfe der folgenden Recherchen erstellt wurde, ist keine wissenschaftlich-historische Abhandlung. Es ist vielmehr das Ergebnis eines persönlichen Weges: eine Sammlung von Erfahrungen, Beobachtungen und Recherchen zu Hildegard von Bingen, die sich im Laufe meiner Tätigkeit für das Museum am Strom und die Rupertsberger Hildegard-Gesellschaft herausgebildet haben.
Den eigentlichen Anstoß gab ein unscheinbarer Moment – ein Vortrag im kleinen Kreis, unter Freunden, deren Begeisterung mich dann bewegte, mich noch einmal tiefer auf das Thema einzulassen.
Was zunächst wie ein Rückblick erschien, wurde beim Aussprechen zu einer Verdichtung. Und als ich begann, diese Gedanken niederzuschreiben, öffneten sich überraschende Perspektiven. Vertrautes geriet in Bewegung, und manches zeigte sich in einem Licht, das ich so nicht erwartet hatte.
Besonders prägend wurde für mich der Versuch, zwei ethische Grundhaltungen miteinander ins Gespräch zu bringen: die Ethik der Gnade eines ihrer wichtigsten Wegbegleiter und die Ethik der Verantwortung, die sie dem entgegenstellte.
Ebenso drängte sich der Vergleich zwischen Hildegards Naturverständnis und modernen naturwissenschaftlichen Denkweisen auf – nicht als Gleichsetzung, sondern als tastende Annäherung. In solchen Gegenüberstellungen entstand kein abgeschlossenes System, wohl aber ein erweiterter Blick: auf Hildegard als Mensch, als große Denkerin und als Gestalt ihrer Zeit.
In der behutsamen Übertragung ihrer Gedanken in unsere heutige Sprache – und im Vergleich mit gegenwärtigen Fragestellungen – zeichnet sich ein Bild ab, das in mancher Hinsicht überraschend gegenwärtig wirkt. Es ist ein Bild, das der menschlichen Vernunft ebenso Raum gibt wie dem größeren Zusammenhang kosmischer Ordnung, einem bis heute wichtigen Bestandteil der Forschung.
In ihrem Zentrum steht ein Gedanke, der zugleich schlicht und doch folgenschwer zu fassen ist: das rechte Maß – jenes Gleichgewicht, ohne das Leben weder entstanden wäre noch bestehen kann.
Vielleicht brauchte es eine gewisse biographische Distanz, um diese Nähe überhaupt wahrzunehmen. Ich bin in der Hildegardiskirche getauft worden, in der Hildegardisstraße aufgewachsen und habe meine ersten Jahre im Hildegardiskindergarten verbracht. Ich kannte die alte Villa auf dem Rupertsberg schon als Kind von innen. Der Name Hildegard war mir stets vertraut – fast zu vertraut, um ihn zu hinterfragen. Erst im Zuge dieser Arbeit begann er, Gewicht zu bekommen. Aus einem bloßen Namen wurde eine Gestalt.
Dieses Buch ist der Versuch, dieser Gestalt nachzugehen – nicht abschließend, nicht mit dem Anspruch umfänglicher Kenntnis, sondern als Einladung, sich selbst auf den Weg zu machen.