Wo römische Soldaten über längere Zeit stationiert waren, gehörte eine Thermenanlage fast selbstverständlich zur Infrastruktur eines Militärstandortes. Die sogenannten Soldatenthermen dienten nicht nur der Körperpflege. Sie waren zugleich Treffpunkt, Aufenthaltsraum, Gesundheitszentrum und ein wichtiger Bestandteil des militärischen Alltags. Nach Märschen, Wachdiensten und Übungen boten die warmen Bäder Gelegenheit zur Regeneration und trugen wesentlich zur Hygiene und Kampfkraft der Truppe bei.
Selbst kleinere Kastelle verfügten häufig über eigene Badeanlagen. Diese bestanden meist aus mehreren beheizten und unbeheizten Räumen, darunter das Kaltbad (frigidarium), das Warmbad (tepidarium) und das Heißbad (caldarium). Die Erwärmung erfolgte durch die für die Römer typische Hypokaustenheizung, bei der heiße Luft unter dem Fußboden und durch Hohlräume in den Wänden geleitet wurde. Voraussetzung für den Betrieb einer solchen Anlage war vor allem eines: eine zuverlässige Wasserversorgung und in der Nähe gelegene Holzressourcen.
Gerade dieser Umstand macht die Überlegung interessant, dass sich auf dem Rupertsberg möglicherweise einst eine römische Soldatentherme befand.
Seit der Ankunft der Römer am Rhein war der Rupertsberg ein strategisch bedeutsamer Ort. Hier kreuzten sich wichtige Fernstraßen: Die Verbindung über den Hunsrück nach Trier traf auf die Rheinuferstraße, während entlang der Nahe eine weitere Route bis nach Metz führte. Hinzu kam ein natürlicher Hafenbereich nahe der Mäuseturminsel, der Schiffen die Umgehung des gefährlichen Binger Lochs ermöglichte. In unmittelbarer Nähe des späteren Klosters dürfte deshalb bereits um die Zeitenwende ein militärischer Stützpunkt entstanden sein. Soldatengrabsteine aus dem Bereich des heutigen Hauptbahnhofs weisen auf die Anwesenheit römischer Truppen bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. hin.
Besonders bemerkenswert sind jedoch Hinweise auf eine Thermenanlage im Bereich der späteren Klosteranlage der Hildegardis von Bingen. Archäologische Befunde wurden bereits früh als mögliche Reste eines Militärbades gedeutet: Die Grundmauern der Apsis wurden im 19. Jahrhundert, vor der Sprengung des Berges im Zuge des Eisenbahnbausbau, al römisch verifiziert. Dieses halbrunde Fundament passt - bezogen auf die Zeit der Römer - zur Architektur einer Therme. Sollte diese Interpretation zutreffen, würde dies gut in das Bild eines militärisch genutzten Standortes passen.
Für diese Annahme spricht auch die besondere Geologie des Rupertsbergs. Der Berg war seit jeher reich an Quellen und Wasserzutritten. Nicht zufällig entstand hier später das Kloster Hildegards von Bingen. Ein Standort mit dauerhaft verfügbarem Frischwasser war für die Römer von großem Wert und erfüllte eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Betrieb einer Badeanlage. Während viele Kastelle aufwendig Wasserleitungen errichten mussten, könnte am Rupertsberg eine natürliche Versorgung vorhanden gewesen sein.
Die im Rahmen der Ausstellung „2000 Jahre Rupertsberg“ vertretene Theorie verbindet daher mehrere Indizien miteinander: die strategische Bedeutung des Standortes, die nachgewiesene militärische Präsenz, die Hinweise auf eine Thermenanlage sowie die außergewöhnlich günstigen hydrogeologischen Bedingungen des Quellbergs. Zwar fehlt bislang ein archäologischer Nachweis, der eine römische Therme zweifelsfrei belegt. Dennoch erscheint die Vorstellung eines Militärbades an dieser Stelle durchaus plausibel.