Die Schiffsmühle der Hildegard von Bingen

Als Hildegard von Bingen um die Mitte des 12. Jahrhunderts ihr neues Kloster auf dem Rupertsberg errichtete, stand die junge Gemeinschaft vor derselben Herausforderung wie jedes mittelalterliche Kloster: Sie musste ihre wirtschaftliche Existenz dauerhaft sichern. Eine der wichtigsten Unterstützungen erhielt das Kloster im Jahr 1152 durch den Mainzer Erzbischof Heinrich I.

Prozess
SSchiffsmühle des Hildegardisklosters
auf dem Rhein

Er schenkte den Benediktinerinnen eine Mühlenstätte bei Bingen. Nach Auffassung der Forschung dürfte es sich dabei um den Standort einer Schiffsmühle gehandelt haben – einer technischen Einrichtung, die im Mittelalter zu den leistungsfähigsten Getreidemühlen an den großen Flüssen Europas zählte.

Schiffsmühlen waren keine gewöhnlichen Wassermühlen. Statt an einem Bach oder Mühlgraben errichtet zu werden, schwammen sie direkt im Strom. Die gesamte Mühlentechnik befand sich auf einem oder zwei miteinander verbundenen Schiffskörpern. Zwischen ihnen drehte sich ein großes Wasserrad, das von der Strömung des Flusses angetrieben wurde. Die Kraft wurde unmittelbar auf die Mahlsteine übertragen, mit denen Getreide zu Mehl verarbeitet werden konnte.

Gerade der Rhein bot für diese Technik ideale Voraussetzungen. Im Gegensatz zu kleineren Bächen führte er auch während trockener Sommer ausreichend Wasser. Die Mühlen wurden an besonders strömungsreichen Stellen verankert, häufig in der Nähe von Brücken oder Engstellen. Dadurch stand den Mahlwerken nahezu ganzjährig Antriebskraft zur Verfügung. Schiffsmühlen galten deshalb als besonders zuverlässige Einrichtungen zur Versorgung der Bevölkerung mit Mehl.

Für den Standort am Rupertsberg sprach zudem die besondere Lage an der Mündung der Nahe in den Rhein. Hier konzentrierte sich die Strömung, zugleich verliefen wichtige Verkehrswege entlang des Flusses. Eine Schiffsmühle konnte nicht nur das Kloster selbst versorgen, sondern auch als Einnahmequelle dienen, indem Bauern und Händler ihr Getreide gegen Mahlgebühren verarbeiten ließen. Die Schenkung der Mühlenstätte war damit weit mehr als ein symbolischer Akt. Sie verschaffte dem jungen Frauenkloster eine wirtschaftliche Grundlage und stärkte seine Unabhängigkeit.

Schiffsmühlen gehörten über Jahrhunderte zum vertrauten Bild des Rheins. Bereits im frühen Mittelalter sind sie nachgewiesen, und noch im 13. Jahrhundert hingen dutzende solcher Mühlen im Strom vor Köln. Erst die zunehmende Schifffahrt und später der Einsatz moderner Mühlentechnik führten zu ihrem Verschwinden. Die Schenkung an das Kloster Rupertsberg erinnert daher nicht nur an die Anfänge von Hildegards Stiftung, sondern auch an ein heute fast vergessenes Kapitel mittelalterlicher Technikgeschichte am Rhein.


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